Süddeutsche Zeitung

Munich, Germany: January 30, 2004


Ein Buch für die Ewigkeit
(A book for eternity)

Ein kanadisches Ehepaar hat alles daran gesetzt, einen Fotoband bestmöglicher Qualität herzustelllen – buchbinderisch jedenfalls.

Von Bernadette Calonego


Vancouver – Der Kanadier Pat Keough kann es sich leisten, sein so wertvolles Buch sehr ruppig zu behandeln: Er hebt den 2900 US-Dollar teuren und 8,7 Kilo schweren Band beidseitig an den Deckeln hoch und schüttelt ihn mit aller Kraft, auf und ab und hin und her. Ein normales Buch wäre längst zerrissen. Aber der Fotoband „Antarctica“ ist kein normales Buch: Er ist so konstruiert, dass er Jahrhunderte überdauern kann. „Wir hatten den Traum, das Buch mit der höchsten Qualität der Welt herstellen“, sagt Pat Keough.

Er liegt damit im Trend: In Nordamerika werden Bücher der Superlative immer mehr zu Statussymbolen. Pat Keough und seine Frau Rosemarie wollten das absolut Beste an Material, Drucktechnik, Papier, Bindetechnik, Konstruktion. Zehn Jahre lang arbeiteten die Keoughs, beide renommierte Landschaftsfotografen, an ihrem 336 Seiten dicken Werk, dessen Auflage auf 950 Exemplare limitiert ist. Das Ehepaar verbrachte zwei Jahre in der Antarktis und kam mit 400 Filmrollen nach Hause.

Für den Einband des Buches, das im Eigenverlag (Nahanni) erschien, wählten sie feinstes Ziegenleder. Für jedes Exemplar sind zwei Ziegenhäute aus Indien nötig, die eine schottische Gerberei zu Maroquinleder verarbeitet, dem dauerhaftesten Bucheinband. „Fachleute sagten uns, es sei nicht möglich, ein unglaublich starkes und zugleich elegantes Buch herzustellen“, sagt Rosemarie Keough in ihrem Haus an Kanadas Westküste.

Nach jahrelanger Suche fand das Paar vier mutige Buchbinder einer kleinen kanadischen Firma, die die Herausforderung annahmen. Zwei Näherinnen sind nun zwei Jahre lang damit beschäftigt, bei jedem Exemplar mit der Nadel 288 winzige Knoten aus irischem Leinenfaden zu knüpfen, mit denen die Papierbögen auf einem antiken Nährahmen zusammengebunden werden.

Das Papier wird exklusiv für die Keoughs im US-Bundesstaat Wisconsin hergestellt. Im westkanadischen Vancouver fand das Paar bei der Firma Creo die revolutionärste Drucktechnologie: „Staccato“: Es handelt sich um eine Lithographie mit der höchsten derzeit für Photobücher möglichen Auflösung. Während fünf Monaten – zwölf Stunden täglich, sechs Tage die Woche – kontrollierten die Keoughs jeden bedruckten Papierbogen auf kleinste Mäkel, bevor er in die Buchbinderei ging.

„Antarctica“ erhielt bislang 19 Auszeichnungen – mehr als jeder andere Kunstband –, darunter den „Benjamin Franklin Award“, den Oscar der internationalen Druckindustrie. Andere Bücher sind auf Weltrekorde aus: Der kürzlich erschienene Bildband „Bhutan“ ist das größte Buch der Welt. Er ist so groß wie ein Tischtennis-Tisch, 1,5 mal 2 Meter, wiegt rund 60 Kilo und kostet 10 000 Dollar, von denen 8000 an Bhutans Schulen gehen. Das Photobuch „GOAT: A tribute to Muhammad Ali“ hat 792 Seiten, enthält 3000 Bilder, wiegt 29 Kilogramm, misst 0,5 Quadratmeter und kostet 3000 Euro. Die Frage ist nur, wie man solch gigantische und superteure Bücher am besten genießt. Ein ehrfürchtiger Käufer von „Antarctica“, so erzählt Rosemarie Keough, blättert in seinem Haus in Vancouver jeden Tag nur eine Seite um.